Aus meinem Tagebuch 2016

Malerei und Zeichnung und andere schöpferische Tätigkeiten führen zur Begegnung von Ich und Welt- zum vertiefenden Schauen- zum Lauschen auf den Klang von Farbe, Rhythmus, Komposition – in einem Bereich, der sich der Sprache verweigert.

Eine Farbe singt oder verstummt, eine Linie tanzt oder stockt, bricht ab…ein orange lacht…

Etwas fällt mir zu- irgendwo knüpfe ich an – dann plötzlich ist das Bild ein Gegenüber mit einem Eigenleben, dem ich gerecht zu werden versuche.

Wenn ich ganz selbstlos dabei bin, ist das sichtbar und ein Betrachter kann den Prozess der Bildentstehung hinterher erleben.

Die Unmittelbarkeit wird sichtbar.

Manche Bilder suche ich über Wochen jeden Tag, Schicht um Schicht. Manchmal öffnet es sich wieder durch einen Akzent, der blind gesetzt wird und es ist wieder unvorhersehbar..

Ein anderes Bild ist in Minuten gefunden.

Es muss etwas offen bleiben für den Betrachter, das Bild darf nicht zu Ende gemalt/ gezeichnet sein – so regt es zu neuen ( auch inneren) Bildern an.

Eines ergibt das andere, so entstehen Bilderreihen in einem Spannungsbogen, bis ein neuer Impuls einsetzt.

Es gibt keine Regeln außerhalb des Bildes.

Monika Ziemer, Ins Offene, Installation mit 17 Zeichnungen, 2025

Mit unbekanntem Ziel unterwegs.

Ich setze eine Fläche, eine zweite begegnet der ersten, eine Linie kommt dazu…der Pinsel hat wechselnden Druck, die Farbe wird intensiver und wieder zarter, eine Bewegung reagiert auf die vorher vollzogene. Neugierig gehe ich spazieren auf dem Blatt, fasziniert vom Eigenleben der Materialien und ihres immer wieder überraschenden Zusammenspiels. Wo bewegt sich die Linie mit Schwung, wo ist sie tastend ? Wie behauptet sich die Fläche? Wie klingt die Melodie? In diesen Bildern ist die Farbigkeit zurück genommen, das Weiß des Bildgrunds dominiert, häufig zieht es sich wie ein Schleier über eine Form und lässt sie zart hindurch scheinen. Nur an wenigen Stellen kommt eine benennbare Farbe ins Spiel. Grau ist prominent vertreten, grau als Farbe, kühl oder warm, in verschiedenen Helligkeitsstufen, durchsichtig oder opak, als Linie oder auch als Fläche.

Ich bin beobachtend und mittendrin.

Das kleine Format ist Keimzelle oder Konzentrat einer Bildidee.

Die Präsentation ohne Glas und Rahmen ermöglicht unmittelbare Nahbarkeit, die Zwischenräume sind frei für die Bewegung der Augen.

Was mich beschäftigt, ist die Beziehung zwischen Farben, Flächen, Linien, die Beziehung zwischen Bildern, aber auch der Dialog mit Bildern anderer Künstlerinnen und Künstler. Im Zeichnen entsteht Identität, aber auch Zugehörigkeit, das sich zeigen ermöglicht Begegnung.


Harald Kröner, Ins Offene, Vorwort im Katalog, Kontrapunkt, Galerie Z in Chur, 2023

Malerei ist eine prinzipiell ziemlich einsame Tätigkeit. Und es gibt Naturen, die in diesem versunkenen Tun aufgehen und den Kontakt nach aussen überhaupt nicht brauchen, oder als notwendigen Bestandteil tolerieren, für andere, wie Monika Ziemer, ist das Zeigen, der Austausch, auch das Entstandene zur Diskussion zu stellen, ein essentieller Bestandteil ihrer Arbeit, fast noch wichtiger als das Andere. Insofern ist es nicht verwunderlich dass sie seit einigen Jahren auch mit einiger Lust Ausstellungen konzipiert, organisiert und auch sehr gern selbst eröffnet. „Komm ins Offene, Freund !“, hat sie eine Ausstellung genannt die sie jetzt gerade plant, berühmte erste Zeile einer Elegie von Hölderlin ( Gang aufs Land. An Landauer ) die auch eine Feier der Sinnlichkeit ist .

Vor allem aber scheint mir dieser Titel, den sie gar nicht für sich in Anspruch nehmen oder gar auf sich selbst anwenden wollte, genau das zu sein – es will mir keine bessere Beschreibung einfallen für ihre eigentliche Arbeit: komm ins Offene lieber Betrachter, lass los und schau was passieren kann auf der Reise.

Was also ist zu sehen ? Pinselspuren, farbig, auf kleinen bis kleinsten Kartons, in grosser Zahl, im Atelier bekommt man sie mitunter in Schuhkartons gereicht, mit der Aufforderung sie herauszuholen, auszubreiten. Gesprächsfetzen, Worte, Buchstaben, Glyphen einer ausdauernden und andauernden Selbstbefragung und Erzählung. Oft ist da nur ganz Weniges, konzentriert, sparsam, wie schnell hingeworfen, je nachdem aus diesem reduzierten Duktus heraus verdichtet, auf eine stimmige Form hin, eine innerbildliche Vollkommenheit ? Oder als ein Fluss, der sich ruhig in alle Richtungen spreizen und verströmen darf ? Die grösseren Formate malerischer, geschichtet ( sie sagt auch: umkämpft, sie müsse sich da immer wieder hinein werfen ), man sieht viel Weiss dazwischen und ahnt es darunter und kann annehmen, dass sie immer wieder neu ansetzt und das Weiss benutzt, um Vorangegangenes erst einmal zu nichten, ich vermute auch: manchmal fluchend , oder seufzend. Um noch mal neu anzusetzen, einen frischen Ausgangspunkt in die inzwischen erreichte Höhe zu legen, auch hier sind die Bildträger grössere Papiere und Kartons, sehr selten ist das Leinwand – diese setzt ihrem luftigen Auftrag zu viel Schwere entgegen und gleichzeitig zu wenig Festigkeit, der grobporige schwankende Untergrund ruft nach anderem Zugriff als dem ihren.

In den gar nicht so seltenen Fällen, in denen fremde Materialien auftauchen, eingebunden, eincollagiert, eingemalt, oft auch als Frottage, scheint auf, was sie in ihren autonomen Formulierungen eben auch immerzu herzustellen versucht: der Punkt, an dem ihre bildnerische Intelligenz oder Erfahrung einen Anlass (er)findet, auf den sie antwortet, den sie phantasievoll ausdeutet, umdeutet, weitererzählt, kommentiert, da ist oft Leichtigkeit, Schalk, Humor. Und ein wacher Geist, der sich und die auftauchenden Gelegenheiten beobachtet, um was herzustellen ?

Auf gar keinen Fall einen Gegenstand ! Ganz selten einmal nähern sich diese Formulierungen einem Anklang von Landschaft oder Figur, die sie dann staunend, aber auch skeptisch zur Kenntnis nimmt, und ganz manchmal auch gelten lässt, immer in der Sorge den / die zukünftigen BetrachterIn nicht schon festzulegen auf nur eine Art der WahrNehmung.

Wenig überraschend auch, dass sie im Normalfall niemals Titel geben wird, um den Verfolg des zarten Gewebes, dieses innerbildlichen Gesprächs nicht zu stören oder zu früh in irgendwelche vorgefertigten Bahnen oder Schablonen zu lenken oder eine Sprache zu setzen, die nicht Deine wäre, mein lieber Betrachter.

Seit einiger Zeit ist Monika Ziemer auch sehr rege und unternehmungslustig auf Instagram unterwegs. Für sie nur eine weitere willkommen Gelegenheit des Austauschs mit einer nochmals erweiterten Welt, und was mir dort auffiel, waren zwei Dinge: in den geposteten Fotografien wieder derselbe spielerische, staunende, immer neugierige Entdeckergeist, und das gute Auge, das die kuriosen, interessanten Formen und Konstellationen erkennt und kadriert, die sich da wie von selbst in die Welt „gemalt“ haben und gleichzeitig – und hier wage ich eine These – eine auffällige Tendenz zum Fragment.

Ich selbst würde eine Zeichnung immer als Ganzes zeigen, immer mit sichtbarem Rand,

als Blatt, als erkennbares Ding um ihr auf jeden Fall gerecht zu werden. Zumal es völlig unmöglich war, einzuschätzen, weder wie gross der Ausschnitt, noch, wie gross die ganze Arbeit sein könnte, auch diese Information fehlte nämlich fast durchgängig.

Jetzt könnte man meinen, die gezeigten Ausschnitte seien insbesondere in diesem Medium ein kokettes Andeuten, das – ich gebe es zu, auch meine Neugier auf “das Ganze“ schürte – als Teaser, sozusagen.

Ich neige aber tatsächlich zu der These: das gültige, abgeschlossenen Blatt ist vielleicht gar nicht unbedingt im Zentrum ihres Interesses, in jedem sieht sie schon wieder den interessant(eren) Ab- oder Ausschnitt, im Kleinen nur den Teil des Grösseren, im Einzelnen nur die Etappe im Strom der Vielen.

Komm! ins Offene, Freund! zwar glänzt ein Weniges heute Nur herunter und eng schließet der Himmel uns ein. Weder die Berge sind noch aufgegangen des Waldes Gipfel nach Wunsch und leer ruht von Gesange die Luft.. (…) Darum hoff ich sogar, es werde, wenn das Gewünschte Wir beginnen und erst unsere Zunge gelöst, Und gefunden das Wort, und aufgegangen das Herz ist, Und von trunkener Stirn‘ höher Besinnen entspringt, Mit der unsern zugleich des Himmels Blüte beginnen, Und dem offenen Blick offen der Leuchtende sein.


Harald Kröner, Rede zur Eröffnung der Ausstellung Kontrapunkt in der Raphael Kirche Pforzheim, 2019

Liebe Monika,

ich hatte Dir schon vor längerem versprochen, irgendwann auch einmal für Dich hier in der Raphael Kirche eine Ausstellung einzurichten und dieses Versprechen löse ich nun ein. Wir hatten vereinbart, dass ich völlig freie Hand haben sollte in der Auswahl der Arbeiten und Du scherztest, leicht tiefstapelnd, und wenn ich nichts fände, was ich zeigen möchte könnten wir es einfach sein lassen.

Der Hauptspaß bestand aber schon darin, wie Humboldt in Amazonien Dein Atelier zu durchstöbern und ohne Rücksicht auf Alter der Arbeiten oder innere Zusammenhänge herauszufischen, was auch immer mich spontan interessieren könnte. Wobei unser intensives Gespräch dabei natürlich auch eine Rolle spielte, was ist Dir wichtig, was macht Dich ratlos, was beschäftigte Dich da und was ist es jetzt ?

Jedenfalls stellt man sich immer auch bloß, wenn man seine Sachen öffentlich zeigt und für dieses Vertrauen danke ich Dir. Im übrigen glaube ich aber auch, dass der Blick von Künstlern, ihr Umgang, ihre Ideen beim Zusammenstellen und Präsentieren der Arbeiten anderer KünstlerInnen ein anderer ist und einer, der eine wichtige Ergänzung darstellt zu dem von Ausstellungsmachern oder Kunsthistoriker/innen.

Die Entscheidung für den Künstlerberuf ist kompliziert insofern als er eine existentielle Gefährdung beinhaltet, die für die meisten anderen Berufe nicht gilt. Ich beobachte gerade bei jüngeren Künstlerinnen, wie schwer mit diesem Risiko umzugehen ist zusammen mit dem Wunsch vielleicht auch Kinder und Familie zu haben. Monika hat sich damals aber nicht für den sicheren Weg entschieden, sondern ist im Ergreifen des Lehrberufs dezidiert einer Neigung gefolgt, sicher auch wissend, dass das einen Preis hat für die Künstlerin. Ich selber hatte mich ganz klar für den ungesicherten „freien“ Weg entschieden, habe das kaum fassbare Glück, trotzdem Kinder zu haben, hatte aber eine Partnerin,die das mit mir

zusammen eisern durch getragen hat, auch wenn wir in schlimmen Zeiten Leergut zurückbringen mussten um einkaufen zu können.

Das biografische Moment jedenfalls war mit eines der ersten Dinge die mir in den Sinn kamen, als der mögliche Titel Kontrapunkt auftauchte, in seiner Bedeutung als Gegenpol.

Die von ihr innig geliebte Lehrtätigkeit Monikas hat irgendwann geendet und man kann deutlich sehen, dass die Arbeit im Atelier an ihre Stelle getreten ist.
Sie malt sich sozusagen nach einer langen Abschweifung zurück ins Feld, was in eine durchaus rege Ausstellungstätigkeit mündete, bei der wir auch mal kurz überlegt haben, ob das eine zu hohe Schlagzahl bedeutet, wenn wir die Ausstellung jetzt machen. Auf die provokante Frage: wozu die ganze Ausstellerei eigentlich gut sein soll, kam übrigens wie aus der Pistole geschossen: „Weil das Kommunikation ist. Ich könnte nie nur einfach still für mich arbeiten.“
Aufgekommen war der Titel aber weil sie sagte, sie träume gerade von einer Kontrapunktik, einer Mehrstimmigkeit im Bild, verbunden mit einer Figur –Grund Frage, deren Lösung sich nicht so recht einstellen wolle.
Die Problematik ist nun so alt wie die Malerei, wie übrigens auch die Verzweiflung der MalerInnen über Bilder die nach wiederholtem Übermalen immer noch irgendwie im Nirgendwo herauskommen. Es ginge darum Mehrstimmigkeit im Bild so zu verweben, dass trotz erkennbarer Linien alles wie selbstverständlich in eins fiele. Lösungen gibt es ungefähr so viele wie es MalerInnen gibt, aber leider doch immer auch ein paar zu wenig, sonst würde es nicht immer wieder Bilder geben, an denen wir verzweifeln. Monika hatte dann die Frage ob wir den Titel denn einlösen würden aber wie können wir das besser tun, als indem wir eine Sehnsucht umkreisen ?

Die hat mit Zeichnung und Malerei zu tun, vielleicht auch mit zeichnerischen Elementen in der Malerei und wir haben deshalb viele Zeichnungen in der Ausstellung, was übrigens auch den zahlenmäßigen Anteil im Atelier wieder spiegelt. Bei Monika beobachte ich schon seit längerem, wie zeichnerische Elemente in der Malerei vorkommen, was einerseits naheliegend ist, andererseits aber auch riskant, weil es die Wahrhaftigkeit des Bildes bedroht. Das kann schnell eine Art Rezept für irgendwie funktionierende Bilder werden, während die – ich nenn sie jetzt mal reine – Malerei eben als solche glückt oder auch nicht. Und grundsätzlich gilt natürlich auch: no risk, no fun !


Was uns jetzt vielleicht geglückt ist in einer Auswahl, die ich im Atelier so intuitiv wie möglich zu treffen versucht habe und die wir dann erst ( und wir hatten nicht das Problem, dass es etwa zu wenig Arbeiten gegeben hätte, Monika ist sehr produktiv ) hier vor Ort noch mal für die räumlichen Gegebenheiten etwas eingedampft haben – was uns da also vielleicht geglückt ist, ist wie unter anderem sichtbar wird, wie Malerei ganz malerisch sich löst und die kleinen graphischen Zappler die Souveränität der unauflösbaren Figurgrundverschränkung nicht ins Wanken bringen und trotzdem eine Nebenerzählung aufmachen, wie bei der kleinen blauen Leinwand hinter mir und: wir noch eine rein zeichnerische Formulierung gefunden haben, die vielleicht mit ihren Mitteln denselben Gedanken verfolgt ( die jetzt links daneben hängt ).
Oder oben im linken Versammlungsraum 5 kleine fast rötelartige Pinselzeichnungen, die wie mögliche Vorüberlegungen wirken für die eine Malerei, die sich den Raum mit ihnen teilt.

Kontrapunkt haben wir also auch auseinander geschrieben in den parallel verlaufenden Melodielinien von Zeichnung und Malerei, wie sie eben durch die Arbeit von Monika Ziemer laufen, sich dort berühren oder auch nicht.


Wobei Gedanken das eine sein mögen, ein unbändiger Spieltrieb und eine unvoreingenommene Neugier auf fast alles, das Andere.
Die sogenannten Rötelzeichnungen gibt es nur, weil die Farbe so eigenartig im Papier einsinkt. Das hat Monika interessiert und mich eben genauso, als ich sie das erste mal in der Hand hatte. Diese Neugier auf Materialien und wie sie reagieren oder das Weiterspinnen von gefundenen Sachen, das Bewahren von kleinen Nichtigkeiten: „ist dieses schwarzsilber gestreifte Papier nicht grossartig, ich liebe es, ich kann mir da wirklich nicht helfen ?“ und: „hast du gesehen, was der schwarze Ausriss für ein Papier ist“ ( ich glaube, man hat das hat man früher vor allem zum Einbinden von Schulheften verwandt ) „das hat mir mal dieser oder jener gegeben und ich musste was damit machen“ oder die eine Serie, die wir aus Platzgründen wieder raus genommen haben, die auf dem Linoldruck einer Schülerin basierte die die Ecken der Druckplatte eigenartig konkav beschnitten hatte, wo Monika sich fragte, „wie kann denn nur auf so etwas kommen“ und „was müsste man jetzt damit anstellen, damit das wieder gut wird ?“

Jedenfalls führt das unbekümmerte, wie auch das bekümmerte Spiel mit Pinsel, Farbe und Material – dieses Papier, jener Karton oder eben auch die unerbittliche Leinwand – zu manchmal fast minimalistisch strengen Notizen und ein andermal zu einer Arbeit, die sehr barock vor spielerisch in bestem Sinne leerlaufendem Gekringel nur so strotzt und dann aber durch einen resolut herausgerissenen Mittelteil zu einer Art barockem Rahmen wird in dessen leerer Mitte wir uns und unsere Bilderwartung plötzlich selber spiegeln.

Diese Arbeit hat sie genauso lässig zur Beschau freigegeben wie das ältere Querformat, das irgendwo hinten im Stapel vor sich hin darbte und jetzt ganz hinten neben dem Aufzug hängt.
Experimentierlust, Unvoreingenommenheit, Spieltrieb, immer wieder neu ansetzen, kreiseln, entdecken, schweifen dann wieder der schmerzhafte bis unmögliche Sortiervorgang: welches ist jetzt interessanter als das andere und warum ? Und die Erkenntnis, wenn es denn eine gibt im Tun, ganz schnell wieder zu vergessen, um frei zu bleiben, das zielgerichtete Arbeiten bedroht von Verkopfung und Rezeptur, das aus dem Bauch heraus geschehende von Versinken im Urschlamm.

Und daraus immer wieder den geglückten Moment zu fischen, ganz wie im richtigen Leben.

Jan Verwoert begreift in seinem Essay „Die Zukunft der Malerei“ nicht bloß als Darstellungsvorgang:“Sie gibt meinem elan vital den Schwung in eine bestimmte Richtung. […]Es ist wie ein Einstimmen in Musik, Einweisen in Verkehr oder Einwinken auf dem Flugplatz.[…] Einmal so eingestimmt, eingewiesen oder eingewinkt gehe ich verändert auf die Welt zu und sie begegnet mir anders.“

In der Folge zitiert er den Anthropologen Michael Taussig, der sich in Mittelamerika mit der Rolle von Farbe beschäftigt hat, als alltagsmagischem Mittel zur Bewältigung von Umwelteinflüssen, Gemütszuständen und Schicksalsverläufen: „Man muss das nicht glauben. Man muss es machen. Wie Alltagsmagie ( der kleine Zauber am Rande ) haben Malerei, Schminke und Medizin weniger mit Glauben zu tun als vielmehr mit Handeln, mit qualitativem und grammatikalischem Handeln.“
(TWO BY TWO, Mary Heilmann & David Reed,
Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin, 2015)




Wenn die Ausstellung eine Woche vor Eröffnung schon hängt, hat man auch Gelegenheit, erste Kommentare aufzufangen, da wird unser Glück über den ungewohnten Blick auf die Arbeit zu: „das ist aber gar nicht die Monika, die ich kenne, da hab ich aber schon schönere Bilder von ihr gesehen.“ Das ist wunderbar, weil man die Bewegung, die wir gemacht haben erst einmal nachvollzogen sein will und gibt mir jetzt Gelegenheit, dazu ein vielleicht vermittelndes Wort zu finden.

Es gibt einen Begriff, über den wir des Längeren sprachen, und den Monika am liebsten gar nicht erwähnt wissen mochte, so wie in Harry Potter der Name des oberbösen Voldemort, nicht mehr ausgesprochen wird und ER dann nur noch „ Er, dessen Name nicht genannt werden soll“ heißt. Was mich natürlich reizt: dieser Begriff heißt Hobby. Den verwende ich ganz gerne, um einen Unterschied klar zu machen. Malt jemand aus Interesse, um der Beschäftigung mit dem Schönen willen, um das für sich zu untersuchen, als Fingerübung, vor allem aber: spielt da jemand mit einer Rolle oder Funktion oder vielleicht auch mit dem Nimbus dieser Tätigkeit, ohne das wirklich auszufüllen ? Professionalisierung hat mit der existentiellen Situation zu tun, aber auch sehr mit: ich werde messbar in dem was ich tue im Vergleich zu anderem und ich ordne mich da auch ein, weiß sehr genau um das Erreichte und auch um das möglicherweise für mich niemals Erreichbare.


Was zwangsläufig zu der Frage führt, worüber denkt deine Malerei eigentlich nach ? Und ausstellen würde auch bedeuten, ich stelle einen Gedanken, einen Vorschlag, eine These zur Diskussion und es würde bedeuten es geht nicht nur darum Bilder zu zeigen sondern, um die Idee, die ich zum Bild und zum Bilder machen habe, in Form von Bildern oder auch etwas ganz Anderem.


Ich habe diesen Sommer eine Japanreise gemacht, dort gibt es den Begriff IKIGAI.
Er beinhaltet grob übersetzt, sich eine Sache ganz zu eigen zu machen und über den Punkt hinaus zu treiben, wo etwas ok ist, oder ziemlich gut oder für die meisten Beobachter fraglos, zu einem persönlichen Punkt jenseits davon. Da gibt es dann einen Bereich, wo das ziemlich ineffizient wird, wo eine zeit lang der Aufwand riesig ist im Vergleich zu etwa noch wahrnehmbaren Veränderungen, also eigentlich eine Art Kraftverschwendung an nur noch minimale Verbesserungen und genau das ist etwas, das wir, das ich mit Japan verbinde, diese Übersteigerung, Perfektion, das Kunstvolle bei so banalen Themen wie Blumenstrauß, Tee trinken, Sachen einpacken, Fischstücke auf Reisbällchen kleben, Schreiben oder auch Malen, all das wird dort auf eine Spitze getrieben wie vielleicht nirgendwo sonst auf der Welt, als wahrscheinlich wesentlichster Ausdruck dieser Kultur.

Dies alles jedenfalls hat mich – oder uns – bewogen, weil ich es eben im Atelier a u c h antraf, und weil andere Aspekte in noch nicht lange zurückliegenden Ausstellungen ausführlich zu sehen war, mal eher in die Werkstatt von Monika zu schauen, in ihre Prozesse, woran wird da eigentlich gebohrt und gebaut, und wie macht sie das ?

Und das nicht zu vergessen in diesen Räumen, die, auch wenn die erste Aufregung darüber einer gewissen wohligen Gewohnheit gewichen ist, auch aufgrund ähnlich intensiv gestellter Fragen so wurden, wie sie jetzt sind.
Und mich immer wieder begeistern, weil die Möglichkeit, Arbeiten auf Sichtbeton zu hängen, so rar ist, auf diesem wie unbeteiligt neutralen Grau, das die Arbeiten so freundlich begleitet und eben nicht Farbe ist, sondern ein quasi Naturmaterial. Es ist immer auch ein wenig so, als würde man die Bilder in den Garten legen.


In diesem Sinne wünsche ich Ihnen angeregtes Schauen auf das viele Wenige und das wenige Viele.

Harald Kröner September 2019-09-11

Auszug aus einem Brief an mich von Wolfram Wolfer-Melior, 2019, Bild Nr.31 betreffend

… Ich wollte ja auch noch was zu Deinem Stuttgarter Bild sagen … (aber ich muss mich einigermaßen kurz fassen, was bei dem Thema nicht ganz einfach ist)… also, der Ausgangspunkt ist der, dass mich das Bild auf Anhieb gefesselt hat und ich mich beim Betrachten regelrecht reingezogen fühlte. Über diese Wirkung habe ich nachgedacht. Wie kommt sie zustande? Wie kommt es, dass ich mal mit einem Bild schnell fertig bin und dagegen ein anderes mich anspricht und so schnell nicht mehr loslässt? Haben Bilder (ich meine hier solche der abstrakten Malerei) vielleicht eine Sprache, durch die wir mit ihnen kommunizieren können?
Nun, ich glaube, dass jene Wirkung auf mich von etwas scheinbar Figürlichem ausging – einem Auge links oben und dann vielleicht nochmal zwei weiteren Augen und dann nochmal in Verbindung mit einem Eselskopf oder etwas Ähnlichem. Also Figürlichkeiten oder Spuren, Fragmente von Figürlichem, und das in einem Feld weitgehend abstrakter Unbestimmtheit. Es geht also um das Verhältnis von Figürlichkeit oder besser: möglicher figürlicher Bestimmtheit und Unbestimmtheit. Dieses Spannungsfeld fordert den Betrachter.  Er fängt an zu suchen, er sieht etwas Bestimmtes, was im nächsten Augenblick wieder weg oder etwas ganz anderes ist als im Augenblick davor. Ist es überhaupt ein Auge oder nicht, etwas anderes oder einfach nur eine zufällig entstandene Struktur? Vielleicht sehe nur ich das so? Was hat sich die Malerin dabei gedacht? War es so gewollt oder ist da aus Zufall etwas entstanden, was nur ich als ein Auge wahrnehme?

Ich fühle mich bei diesen Beobachtungen an Kinderzeiten erinnert: Ich liege auf einer Wiese und schaue den Wolken nach, die sich auf wundersame Weise immer wieder neu konfigurieren und allerlei Gestalt annehmen. Dabei konnte man die unglaublichsten Metamorphosen erleben – gerade war da noch ein springendes Pferd, dann wird daraus ein Drache, dann ein Gesicht mit Knollennase. Ähnliche Erfahrungen habe ich aber auch mit Baumrinden und Gesteinsformationen gemacht. Immer geht es darum, durch aktives Sehen etwas Bestimmtes, etwas, was nur als mögliche Andeutung gegeben ist, im Unbestimmten zu entdecken. Aber was liegt dieser Erfahrung zugrunde? Wie ist sie möglich? Was heißt es, ‚durch aktives Sehen etwas zu entdecken‘? Das sind Fragen, die die Kunsttheorie im Zusammenhang der Abstraktion in der Bildenden Kunst schon lange diskutiert.

Nun meine Idee im Zusammenhang mit Deinem Bild: Ich habe oben das, was ich in Deinem Bild gesehen habe, etwas Augen ähnliches, als ‚Figürlichkeit‘ bezeichnet. So auch die Wolkenbilder. Man könnte auch ganz allgemein von ‚Gegenständlichkeit‘ sprechen; was immer also auf einer Leinwand zu sehen ist, eine wie auch immer geartete Struktur, stellt einen bestimmten Modus von Gegenständlichkeit im Rahmen abstrakter Malerei dar. Ich finde, dass das die allgemeinste Begrifflichkeit ist, um sich einem Werk der abstrakten Malerei zu nähern. Bei Deinem Bild aber würde ich lieber von Figürlichkeit sprechen. Warum? Was ist der Unterschied? Das Gemeinsame ist, es geht nicht um abbildende Malerei, sondern um die schöpferische Konstitution von etwas Neuem durch den Künstler. Der Unterschied, bzw besser die Spezifizierung ist, dass das Sehen von etwas Figürlichem eine Verbindung zu unserem alltäglichen Sehen der sog. realen Welt hat. Ob Du beim Malen Deines Bildes an Augen gedacht hast, ist ja völlig ungewiss und für mich auch nicht entscheidend. Aber ich fühle mich als Betrachter an etwas Augenhaftes erinnert, es gibt eine Ähnlichkeit zu dem, was ich als Auge erkenne. Mit anderen Worten, das Sehen von etwas Figürlichem stellt eine Verbindung her zu dem, was wir uns erinnern als reale Welt gesehen zu haben. Es ist ein versuchsweises Wiedererkennen von Ähnlichkeiten bzw ein Erinnern an das, was man schon einmal gesehen hat. Und das, was erinnert wird, sind innere, verinnerlichte Bilder, kein äußeres Vergleichen. Somit ist diese Art des Sehens auch mit der Psyche des Betrachters verbunden.

Noch einmal und anders formuliert: Wir reden über abstrakte Kunst, der Maler erschafft auf einer Leinwand seine Welt, die so noch keiner gesehen hat. Aber dieser Prozess ist keine reine Creatio ex nihilo, sondern es gibt Materialien und verinnerlichte Bildvorstellungen, die aus der sog. realen Welt stammen, aus denen der Künstler seine Wirklichkeit gestaltet und in der wir etwas sehen. Dies soll der Begriff der Figürlichkeit leisten. Die Abstraktion der modernen Kunst bedeutet also nicht, dass sie voraussetzungslos wäre.
Ganz nebenbei: Auch Gott hat bei Erschaffung der Welt diese nicht aus Nichts erschaffen, sondern er fand schon etwas vor: nämlich das große Chaos (Tohuwabohu), also jede Menge Material, das er dann nach bestimmten Vorstellungen neu strukturierte. Es ist also noch nicht einmal gesagt, dass das ursprüngliche Chaos chaotisch war: Es kann sein, dass es sich um eine andere Ordnungsform gehandelt hat, die nur aus der Sicht des 6-Tage-Werks als chaotisch erscheint. Somit wäre die göttliche Schöpfung mehr als ein Akt der Umgestaltung zu sehen.
So auch dein Bild: Es gibt verschiedenartige Strukturen und Farbschichten, die in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen, aus denen gleichsam wie aus einem Nebel verschiedene Gegenständlichkeiten hervortreten. In meinem Fall formierten sich diese Gegenständlichkeiten zu einer Figürlichkeit, die mich an Augen erinnerten. Dies war es, was mich so fesselte. Und ich weiß über mich, dass mich Augen irgendwie faszinieren. Es ist etwas Unbewusstes in mir, eine unbewusste Erinnerung. Also begann ich genauer hinzuschauen, zu experimentieren mit dem, was ich sah oder nicht sah oder noch nicht sah. Dies ist es, was ich anfangs mit ‚aktivem Sehen‘ meinte, eine kreative und gestalterische Tätigkeit, bei der die Erinnerung an Ähnlichkeiten eine entscheidende Rolle spielt. Dabei sehe ich die Rolle des Künstlers zu der des Betrachters in einem Allianzverhältnis – sie teilen sich gewissermaßen die Arbeit des schöpferischen Sehens. Im Grunde ist dies die Errungenschaft der Abstraktion: Weil die Gegenständlichkeiten nicht mehr in ihrem scheinbar natürlichen Zusammenhang gegeben sind, sondern fragmentiert oder nur in Andeutungen erscheinen, wird das Betrachten und die Frage, was wirklich ist, zu einer großen intensiven Aufgabe nicht nur des Sehens, sondern des Nachdenkens über das, was man beim Sehen zu sehen glaubt.

Man könnte und müsste diese Überlegungen natürlich noch viel weiter spinnen und genauer fassen, was jetzt aber leider nicht geht. Trotzdem vielleicht noch ein Aspekt: Die Entdeckung eines Auges, wie es bei mir der Fall war, impliziert, dass der Betrachter umgekehrt durch dieses betrachtet wird. Es entsteht eine Wechselwirkung, die ins Unendliche geht. Das ist ein Effekt, der die oben beschriebene Bildwirkung eminent steigert.